Schlagwort: klassische Musik

  • Der Schwarzenegger des Klaviers: Ein Gespräch mit Aaron Pilsan

    Der österreichische Pianist feiert Triumphe auf der Bühne und im Musikgeschäft – seine Aufnahme von Bachs Wohltemperierten Klavier Buch II war nach der Erscheinung im Top Ten auf der Abrufliste beim Streamingdienst Apple Music. Seine Präsenz auf YouTube und Instagram bringt ihm ausverkaufte Konzerte und Zulauf bei der Pilsan Academy ein. Dieser Lehrgang für Klavierlernende steht einzigartig in der Netzlandschaft da – wo kann man sonst von einem Konzertpianisten persönlich gecoacht werden? 

    Er ist von einem Ideal getrieben: So wie der berühmte Bodybuilder Arnold Schwarzenegger einst ein Fitnesstrend ausgelöst hat, möchte der Pianist das Klavierspielen wieder weit verbreitet machen. Bei der Pilsan Academy heißt es denn auch nicht mehr Lehrer und Schüler sondern „Mentor“ und „Mentee“, und vom Anfänger bis angehendem Profi ist alles dabei. Ich bin es auch, seit wenigen Wochen. Nach anfänglichen Onlinestunden begegnete ich Aaron Pilsan persönlich nach seinem Auftritt in Köln.

    Photo by Hiroyuki Hayashi

    Ich habe irgendwo gelesen, dass du keine fünfzig Auftritte pro Jahr machen willst, sondern weniger. Wo steht jetzt die Bilanz? 

    Es sind derzeit bei so dreißig vielleicht. Ich schaue, dass ich das spiele, worauf ich wirklich Lust habe: ein paar ausgewählte Klavierkonzerte im Jahr, einige Recitale mit dem Programm, was mir wirklich was bedeutet, und Kammermusik mit Leuten, mit denen ich einfach gerne spiele. Früher, auch vor der Pandemie, war der Fokus einfach so viel wie möglich zu spielen. Das ist auch heute bei den meisten meiner Kollegen der Fall. 

    Das ganze Herumreisen und dann spät ins Bett – gestern haben wir um 23.30 Uhr noch einen Döner gegessen, weil es nichts anderes mehr gab – bei diesem Lebensstil merke ich irgendwann, dass ich nicht mehr so frisch spiele. Aber wenn ich spiele, will ich wirklich fürs Publikum da sein können und an meiner Qualität weiter arbeiten. 

    Mit der Academy und mit dem Auswahl an Konzerten, die ich gerade spiele, habe ich jetzt für mich eine perfekte Balance gefunden, bei der ich mich auch künstlerisch entfalten kann, weil ich wirklich Zeit habe, beim Üben in eine Routine reinzukommen und weiter zu wachsen. Und durch die Academy lerne ich lustiger Weise auch für mich selber sehr, sehr viel, was das üben angeht.

    Was lernst du da genau? 

    Es geht in verschiedenen Phasen. Wenn ich mir jetzt ein neues Stück aneigne, ist erstmal einfach pure Begeisterung. Man stürzt da hinein, und das ist auch richtig und gut. Und dann kommt der Punkt, wo ich beim Üben genau gucke: Was ist wichtig, was lasse ich weg? Wo brauche ich spezielle Übungen, und was mache ich an dieser oder jener Stelle? Da werden mir verschiedene Abläufe bewusst, so wie bei einer Choreografie oder ein Theaterstück. Ich muss genau wissen, wo kommt was. Irgendwann kommt dann aber wieder der Punkt, wo ich das loslassen muss, wenn ich auf die Bühne gehe. 

    Das sind ja auch alles Prozesse, wo ich andere bei der Academy begleite. Ich stelle selber fest, dass ich schon regelmäßig Auftritte brauche – so wie ich meine Mentees ermutige, regelmäßig vorzuspielen. Dabei muss es nicht unbedingt immer ein öffentliches Konzert sein. Man braucht aber einfach diese Routine.

    Es scheint mir, dass du in den letzten Jahren ein Stück Selbstbestimmung erobert hast. Normalerweise denken wir, Selbstbestimmung ist das Ideal, und am besten so viel davon wie möglich. Andererseits geht es ganz ohne Fremdbestimmung auch nicht. Wenn wir gezwungen werden, uns mit Sachen auseinanderzusetzen, die wir nicht ausgesucht haben, entnehmen wir manchmal einen Gewinn davon. Siehst du das auch so? 

    Ja, wir gewinnen Freiheit auch durch eine gewisse Einschränkung. Untersuchungen haben gezeigt: Wenn Menschen zu viel Wahlmöglichkeit haben, sind sie weniger zufrieden. Etwa im Supermarkt: Wenn ich drei Sorten Milch habe, bin ich als Konsument glücklicher mit der Entscheidung, als wenn ich jetzt 30 Sorten Milch habe, weil ich dann immer denke, es hätte ja vielleicht doch die andere sein sollen. 

    Das ist im Künstlerischen ähnlich. Wenn ich mich für ein gewisses Repertoire spezialisiere oder die Zahl der Konzertauftritte ein bisschen herunterfahre, macht mich das freier. 

    Und Künstler haben andere Freiheiten: Wir drücken ja auf der Bühne alles aus, was an menschlicher, also gefühlsmäßiger Bandbreite da ist. Wenn wir das im realen Leben machen würden, würden wir beide wahrscheinlich ins Gefängnis landen! Deswegen ist es eigentlich ein Spielfeld, wo wir auch komplett egoistisch sein können, was einfach der Natur des Menschen auch irgendwie entspricht. 

    In der Gesellschaft mit anderen kommen wir ja immer an eine gewisse Grenze. Ich sitze hier jetzt mit einem Hemd und Pulli. Das ist eine gewisse Form. Wenn ich auf der Bühne bin, trage ich einen Frack. Abends auf dem Sofa habe ich eine Jogginghose an. Im Sommer könnte ich vielleicht nackt herumlaufen, aber ich entscheide mich ja dazu. Also man ist ja nie komplett frei – außer man zieht in die Wildnis. Dann bin ich ja immer noch abhängig davon, Nahrung zu finden und so weiter. 

    Es ist ein philosophisches Thema, aber in der Kunst es ist wirklich so, dass durch eine gewisse Einschränkung oft eine Freiheit kommt. 

    Gehen wir mal sechs Jahre zurück: Ich kenne ein paar Leute im künstlerischen Bereich, die durch die Corona-Katastrophe völlig ausgebremst wurden und ihren ganzen Werdegang abgebrochen haben. Du hast einen anderen Weg eingeschlagen. Damals war das Internet ein Notbehelf in vielen Lebensbereichen. Du hast aber etwas aufgebaut, was nur im Internet funktionieren kann. Und da spreche ich von der Pilsan Academy in der jetzt existierenden Form. Da steckt Unmengen von Arbeit drin. Wie bist du da vorgegangen?

    Ich hatte lange ein persönliches Interesse daran. In der Schule habe ich den Informatikzweig besucht und etwas Programmieren gelernt. Neben der Schule studierte ich Klavier als Jungstudent in Salzburg und konnte, wenn ich auf Konzertreise oder in Kursen war, die Schulaufgaben auf dem Laptop nachholen. Während des Studiums habe ich mich für Online-Vermarktung interessiert und fand das ganz spannend. 

    Etwa um 2013 gab es dann die ersten massentauglichen vor-aufgezeichneten Kurse. Damals hießen sie Infoprodukte. Ich habe das immer mit ein bisschen Begeisterung verfolgt, aber es war nie relevant für mich, weil ich damals hauptsächlich Konzerte gespielt habe. Dann dachte ich, okay, mach mal jetzt ein bisschen Facebook und Instagram.

    Dann hatte ich irgendwann auch einen Coach, es ging um das Thema Persönlichkeitsentwicklung. Das lief online digital – also so ähnlich, wie ich das jetzt mache.

    Er hat mir von einer Marketingberatung erzählt. Ich habe der jahrelang verfolgt, aber es war immer noch nicht relevant für mich. 

    Dann kam die Pandemie. Auf einem Schlag habe ich 30, 40 Konzerte verloren. Erstmal Videospiele gespielt zu Hause. Dann dachte ich: Das kann es auch nicht sein! 

    Schon vorher hatte ich mal überlegt, vielleicht online anderen Musikern zu helfen, Karriere zu machen. Gerade in der Pandemie habe ich mich aber nicht mehr so qualifiziert gefühlt, dachte aber okay, mach es einfach mal als Test. Habe erstmal auf Instagram ein paar Leuten gechattet und gesagt, hey, ich gebe dir ein paar Stunden online. Es schien zu klappen. Bald machte ich das, was vom Marketing-Coach empfohlen wurde. Habe ein Buch dazu gelesen und erstmal Stundenpakete gemacht.

    Irgendwann habe ich festgestellt: Die Probleme der Leute sind immer ähnlich. Dann habe ich angefangen, Videos auch dazu aufzunehmen und gesagt, „Hey, guckt dir das schon mal an. Das hilft schon mal, weil das ist das gleiche Problem, das schon zehn andere Leute hatten.“ 

    So ist das eigentlich aus der Praxis entstanden: Habe Videos in einem Google Drive Ordner geteilt, später auch Gruppensessions gemacht, bei denen wir uns was vorgespielt haben. Das Konzept ist ganz organisch entstanden. 

    Natürlich hat sich die Angebotsstruktur irgendwann gewandelt. Mit der Zeit habe ich mich beraten lassen, wie ich das Ganze aufbaue, wie ich dafür Werbung machen kann und sowas. Es kamen auch betriebswirtschaftliche Themen dazu. Das war komplett Neuland. 

    Das Ganze war aber weitgehend learning by doing. Es gab keine Schablone und auch keinen, der das vorher schon mal gemacht hätte. 

    Ja, ich beobachte die Musikszene seit langem, und dies scheint mir wirklich einzigartig in der Landschaft zu sein. Und du bist damit erfolgreich, scheinst ein Mittelfeld zu besetzen zwischen dem Stereotyp Spitzenverdiener, der ständig auftritt, und Künstler, der nach viel Arbeit und Selbstaufopferung am Existenzminimum hängt. Ist das auch ein Modell für andere? 

    Auf jeden Fall. Wir müssen sowieso in der Klassik alle von diesem Elfenbeinturm runterkommen und generell mit dem Publikum im Austausch sein. Die meisten meiner Mentees sind ja Hobbyspieler. Es gibt auch andere Profimusiker, die mit Hobbyspielern arbeiten. Ich finde dies viel wichtiger, denn für Profimusiker gibt es die Ausbildungsstätten schon.

    Es kam dann auch so, dass immer mehr Leute über Instagram oder nach den Konzerten mich gefragt haben: „Wie übt man das denn?“ Und ich habe dann mal was gespielt. Sich ein Konzert anhören oder selber aktiv Musik machen – das ist ein ganz anderes, viel tieferes Erlebnis. Und ich glaube, es ist eine wichtige Aufgabe, Musik auf dieser Weise am Leben zu halten. 

    Da sehe ich mich so ein bisschen als Botschafter auch. Viele Musiker beschäftigen sich halt nur mit der Materie, machen sich aber gar keine Gedanken, wie bringt man die Musik anderen Menschen weiter? 

    Ich bin ja Österreicher. Mein früherer Landsmann Arnold Schwarzenegger hat sich erstmal im Bodybuilding brilliert, aber dann auch aktiv Promotion betrieben, diesen Sport auch Massentauglich zu machen. Heutzutage macht jeder Fitness, und ich glaube, dass dies zum großen Teil darauf zurückgeht. Das wäre so ein bisschen meine Vision, dass Musik wieder mehr auch in die Haushalte kommt. 

    Das Modell Schwarzenegger – eine sympathische Idee! Ich bin selber als Mentee seit ein paar Wochen dabei und habe gleich gemerkt, dass die anderen aus allen Herren Ländern kommen, es sind alle Altersklassen dabei und in Sachen Fingerfertigkeit sind sämtliche Niveaus vertreten. Die Teilnehmer suchst du selber aus, wirbst sogar um sie. Auch ungewöhnlich! Was sind deine Suchkriterien? Oder umgekehrt: Wer ist nicht dabei? 

    Es geht vor allem um die innere Einstellung. Auf Englisch heißt es: „Be coachable“. Man bringt eine gewisse Offenheit mit, Neugier – und lässt das Ego ein bisschen beiseite. Es gibt Charaktere, die beratungsresistent sind, die immer Recht haben wollen. Sie wollen zeigen, wie gut sie sind. Aber wenn man dann sagt, hier, mach das mal so und so – dann wird’s schwierig. 

    Man muss sich erstmal darauf einlassen, offen sein und Sachen annehmen. Wir haben verschiedene Programme für verschiedene Fortschrittsgrade. Da kann man für jeden, denke ich, was finden. Aber vor allem geht es einfach um die innere Bereitschaft, auch die Lernbereitschaft. 

    Im Gruppenunterricht gehst du sehr unterschiedlich auf die Leute ein. Ist Empathie dabei ein wichtiger Faktor? 

    Ja, das ist sehr wichtig. klar. Jede Persönlichkeit bringt andere Voraussetzungen mit. Ich muss ja gucken: Worauf kann ich aufbauen? Und wo kann man unterstützen, dass die Schwachpunkte auch verbessert werden? Das ist natürlich individuell.

    Empathie ist ja wichtig, Sympathie nicht unbedingt. Ich glaube, dass ein gegenseitiger Respekt reicht. Eine Vertrauensbasis. Vorher, in einer Strategiesession, schauen wir beidseitig, ob das Sinn macht und überlegen, wie ein Plan aussieht, den man umsetzen kann.   

    Wie groß ist die Academy, und möchtest du, dass sie weiter wächst?

    Wir haben insgesamt jetzt ungefähr 50 aktive Teilnehmer in allen Programmen. Ich habe ja auch einen Assistenten, Mario Häring, und ab und zu mal wird das Team weiter ergänzt. Es gibt auch Übungen in Modulen. Das kann man noch ausbauen. Ich möchte natürlich bewusst die Qualität hochhalten.

    Wie steht bei dir die Bilanz: Üben und Konzertieren gegen Lehrtätigkeit und Betreuung der Mentees? Etwa in Zeitaufwand und Einkommen ausgedruckt?

    In der Betreuung bin ich aktuell tatsächlich jetzt fast aktiver als beim Üben. Ich übe schon konstant, aber ich glaube, ich hätte es nicht an einem früheren Zeitpunkt meines Lebens gemacht. Gerade so in den Zwanzigern brauchte ich mehr Zeit noch, um Sachen auf den Punkt zu bringen. Mit der Erfahrung lernt man. Das ist das eine. Und auch umsatzmäßig ist, glaube ich, die Academy jetzt auch vorne. 

    Es ist ja auch bei vielen Musikern so, die entscheiden sich zum Beispiel, eine Professur zu machen und spielen dann weiter. Das ist ja auch ein valides Modell. 

    Bei mir ist es halt spannend, dass die beiden Bereiche sich gegenseitig befruchten. Die Kölner Philharmonie war gestern ausgebucht. Auch die Veranstalter wussten nicht warum, denn es war ein Mittwoch. Das Konzert war aber schon im Oktober ausverkauft. 

    Ja, das war enorm. Ich habe selber nicht damit gerechnet. 

    Das liegt ziemlich sicher zum Teil daran, dass ich sehr viel Werbung mache in Meta und Google, gebe auch vierstellige Beträge im Monat aus. Aus Marketingsicht ist es einfacher, Werbung für die Academy zu machen, weil es sich relativ bald rentiert. Für Konzerte zu werben ist komplizierter, weil sie zwei Jahre im Voraus geplant sind. 

    Dennoch hilft es, wenn die Säle auf einmal voll sind. Das war vorher nicht der Fall. So sind die Marketingausgaben für die Academy auch für die Konzerte gut. Die Leute sehen das im Netz, und dann vielleicht auf einem Plakat, und sagen, Aha, Pilsan – gehen wir doch mal ins Konzert. 

    Und beim Konzert wird wiederum für die Academy geworben.  

    Ja, genau.

    Vor Hundert Jahren stand ein Klavier in jedem bürgerlichen Haushalt. Heute sind es Massenmedien aller Art. In einem deiner YouTube-Videos beschreibst du aber einen Gegentrend: hin zu mehr Klavierspielen. Kannst du das ein bisschen erklären?  

    Es gibt immer wieder diese Bahnhofs- und Flughafenklaviere, oder es steht eins auf dem Marktplatz oder so. Ein Freund von mir hat angefangen, Klavier zu lernen mit dem Ziel, dass wenn jetzt irgendwo ein Klavier steht, dass er da hingehen und spielen kann. 

    Ich beobachte es immer häufiger, auch bei Leuten in meinem Alter, dass es einen Reiz bekommt, auf öffentlichen Plätzen für andere zu spielen. Dafür braucht man auch ein Klavier zu Hause, auf dem man üben kann. Ich arbeite dafür, dass wir da aktiv weitermachen. 

    Es ist mir recht, wenn man dann Filmmusik spielt, oder Neoklassik oder Pop. Es geht um das aktive Musikmachen. So wie in ganz früheren Zeiten, wo man ums Feuer saß und Trommeln und Gesang ein Teil des gesellschaftlichen Lebens waren. 

    Heute ist man gewohnt, Medien passiv zu konsumieren oder hat allenfalls einen elektronischen Keyboard mit vorgefertigten Sounds. Vielleicht werden die Leute aber irgendwann daran satt und wollen aktiv was machen. Vielleicht ist das gerade, was die Welt braucht.

    Ja, das glaube ich auch. Die Identifikation mit einer Sinn stiftenden Tätigkeit ist schon sehr, sehr wichtig. Ich habe Mentees, die in der Rente sind. Für die ist das eine wichtige Beschäftigung. Aber auch schon vorher. 

    Wir fragen uns immer: Was ist das Menschliche an uns? Mit künstlicher Intelligenz ist die Frage auch immer berechtigter, weil viele, gerade so intellektuelle Berufe immer überflüssiger werden. 

    Ich glaube, Musik bleibt halt ein Bereich, der Kreativität und das menschliche Potenzial beinhaltet. Selbst die Elite braucht eine sinnvolle Beschäftigung, weil man das Gefühl haben will, dass man Mensch ist. Und die Menschen, deren Jobs wegfallen, brauchen ja ein gewisses Entertainment, um einen psychischen Verfall vorzubeugen. 

    Auch wenn es nicht so dystopisch kommt, was ich hoffe: Auf jeden Fall ist Musik ein wirksames Mittel – einerseits, menschliche Kreativität am Laufen zu halten und andererseits um der psychischen Gesundheit zu dienen. 

    Photo by Hiroyuki Hayashi

  • „Es wird ein Fest!“ Ein Gespräch mit dem Bachfest-Intendanten Michael Maul

    (Note: This is the original version of the interview. For the English version, see below)

    Rick Fulker: In der Pressekonferenz sagten Sie: In diesem Jahr steuert das Bachfest auf einen Besucherrekord zu. Worauf führen Sie das zurück? Eigenlob erlaubt!

    Michael Maul: Die Ticket-Verkäufe liegen tatsächlich 10-15 Prozent höher als in unserem bisherigen Rekordjahr. Und ja, wir haben dieses Jahr auch deutlich mehr Veranstaltungen als in den Jahren zuvor. Man hätte Angst haben können, dass sich die einzelnen Veranstaltungen gegenseitig kannibalisieren – dass die gleiche Menge von Leuten kommen und sie sich auf die Veranstaltungen verteilen. Dies ist aber nicht der Fall: Es sind einfach noch mehr Leute gekommen.

    Und wie erklären Sie das?

    Ich will das nicht allein auf das Programm zurückführen, auch wenn ich hoffe, dass das eine Rolle spielt. Wir haben in den letzten Jahren Bachfeste gefeiert, die gezeigt haben: Wir begrüßen die weltweite Bach-Familie in Leipzig, laden auch semiprofessionelle Bachchöre und Laienchöre ein, nicht nur zuzuhören sondern auch neben den großen mitzumachen. Wir hatten letztes Jahr zum Beispiel vierzig Bachchöre da, teilweise mit eigenen Orchestern. Ich glaube, diese Ensembles sind jetzt die besten Bachfest-Influencer in der Welt, weil sie nämlich zu Hause dann erzählen konnten, wie schön es in Leipzig war, und entweder selber wieder kommen oder Freunde überzeugt haben, zu kommen. Und es sind nicht immer wieder dieselben. Stammgäste machen knapp zehn Prozent unserer Besucher aus. Letztes Jahr hatten wir knapp vierzig Prozent Erstbesucher.

    Wieviele kommen aus dem Ausland?

    Die Quote lag letztes Jahren bei etwa vierzig Prozent. Aber auch bei den inländischen sind etwa 80 Prozent touristische Gäste, heißt: Sie kommen eher nicht aus der Umgebung sondern von weiter her und übernachten hier auch ein paar Tage.

    Es gibt den Begriff Umweg-Rentabilität, der für Argumente Richtung Politik benutzt wird. Damit will man belegen, dass das Geld, das Festivalbesucher ausgeben, die staatliche Subventionen eines Festivals übertrifft. Liegen da Erkenntnisse vor?

    Durch Umfragen können wir zeigen, dass die Gäste im Schnitt über sechs Tage bleiben und in der Zeit auch neben ihren Tickets circa 200 Euro in der Stadt pro Tag ausgeben. Wir wissen zwar genau, wieviele Tickets verkauft werden. Wir können aber nicht ganz genau zählen, wieviele Individuen hier sind. Aber es scheint so zu sein, dass der Besucher hier im Schnitt sechs Konzerte besucht. 

    Wenn man das hochrechnet, kommt man auf fünf bis acht Millionen Euro Einnahmen für die lokale Wirtschaft. Es könnten sogar zehn Millionen sein. Unser Gesamtetat liegt bei 3,5 Millionen. Wir bekommen von der Stadt Leipzig 1,35 Millionen, aber die Stadt bekommt ein Vielfaches zurück. Hinzu kommt der Imagefaktor für die Stadt, und dieser ist unbezahlbar. Ein gutes Beispiel für eine nachhaltige städtische Kulturförderung.

    Können Sie mit gleichbleibend hoher Förderung aus der öffentlichen Hand rechnen?

    Ja. Wir hatten zwischen 2008 und den letzten Jahren durchweg die gleiche Höhe der Förderung von der Stadt Leipzig. In der Zeit haben wir unsere Einkünfte mehr als verdreifacht, unsere Besucherzahlen mehr als verdoppelt. Ich habe daran gearbeitet, dass wir eine deutliche Erhöhung bekommen, weil es zusehends schwieriger wurde, dieses volle Programm, das wir anbieten, beizubehalten. Dieses Jahr haben wir 350.000 mehr an Förderung erhalten, außerdem die zusätzlichen Drittmittel deutlich erhöht. 

    Wir sind trotzdem noch dazu verdammt, circa 40-50 % des Gesamtetats über die Eintrittskarten zu erwirtschaften. Wir müssen dieses Jahr, um die schwarze Null zu erreichen, 1,5 Millionen Euro einnehmen. Aber es sieht so aus, dass wir diese erreichen. Zum Vergleich: In den Jahren 2014-2017 lagen die Ticket-Einnahmen noch bei ca. 600.000 Euro. Wir haben unsere Einnahmen also wesentlich erhöht – übrigens ohne die Preise wesentlich zu erhöhen. 

    Da viele Besucher von weither kommen und länger bleiben, legen wir die Programmschwerpunkte nicht aufs Wochenende sondern bieten an den elf Tagen durchgehend Abwechslungsreiches – neben Konzerten auch Lesungen, Ausflüge, Vorträge – einfach alles. Dieses Jahr ist es, glaube ich, so vielfältig wie nie zuvor, einschließlich einer Augmented Reality-Show: Virtual Bach.

    Herkömmliche Medien und Influencer

    Früher haben die öffentlich-rechtlichen Rundfunkveranstaltungen sich darum gerissen, Mitschnittsrechte beim Bachfest zu erwerben um die Konzerte auszustrahlen. Inzwischen ist das viel weniger geworden. Welche Alternativen finden Sie für die Verbreitung durch konventionelle Medien? Und wie wichtig ist das für das Festival?

    Die mediale Berichterstattung bleibt ganz wichtig, weil es ein Stückweit dokumentiert, was hier passiert. Es ist Marketing. Ich stelle aber zugleich fest, dass die Medienlandschaft im großen Wandel ist. Die klassische Musikberichterstattung findet im Feuilleton immer weniger statt. Man kann das beklagen, aber man muss damit leben. Viele Musikjournalisten sind frustriert, weil sie immer weniger Platz in den eigenen Medien haben. Auch das ist ein Grund, warum wir versuchen, Formate zu finden, die auch jenseits der klassischen Feuilleton-Berichterstattung Interesse erzeugen. 

    Zudem bringt es die Transformation der Medienlandschaft mit sich, dass wir die Chance haben, selbst Berichterstattung zu realisieren um unser Publikum direkt zu erreichen. Um Appetizer zu liefern, liefern wir kleine Videoschnipsel und Tagesberichte mit Ausschnitten von den Konzerten, die Atmosphäre transportieren und Lust auf mehr machen. 

    Im Bahnhof, am Markt

    Das zweite Standbein sind die sozialen Medien. In den letzten zehn Jahren haben wir unsere Aktivität hier immer weiter ausgebaut und professionalisiert. Wir haben eine große Anzahl von Followern. Ein großes eigenes Team ist im Einsatz, Freunde des Bachfestes auch. Wir haben auch Influencer eingeladen, die im Bereich der klassischen Musik tätig sind. Davon erhoffen wir uns eine umfangreiche und authentische Berichterstattung, die auch Atmosphäre vermittelt. Ich glaube, das funktioniert. 

    Ich freue mich natürlich, wenn das klassische Feuilleton erkennt, dass das Bachfest weit mehr ist als eine beliebige Aneinanderreihung von Konzerten mit großen Namen. Im Münchner Merkur hieß es gestern, wir seien „das vielseitigste Komponistenfestival der Welt“. Das war jedenfalls der Eindruck des Rezensenten, und es würde mich nicht überraschen, wenn es wirklich so ist.

    Das andere Thema ist die Konzertübertragung. In den Funkhäusern werden die Etats dafür gestrichen. Ich freue mich trotzdem, dass wir den MDR als starken Medienpartner haben. Oder etwa Deutschlandfunk Kultur, der z.B. die Johannespassion mitgeschnitten hat. 

    Johannespassion in der Nikoleikirche

    Während der Pandemie und danach haben wir viel live gestreamt, auch mit öffentlich-rechtlichen Partnern, und haben dabei immer mehr selber bezahlen müssen – und null Einnahmen generiert. In diesem Jahr verzichten wir auf ein vollumfängliches Streaming. Das Hauptziel ist ja, dass die Leute tatsächlich hierher kommen.

    Wenn ich jetzt in die Welt streame, kann ich überhaupt nicht abschätzen, wie groß die Reichweite ist. Wir würden das sofort ausbauen, wenn wir Grund dazu hätten – und die nötigen (zusätzlichen) finanziellen Mittel. Klar, es gibt Menschen, die Bach lieben, aber aus irgendwelchen Gründen nicht nach Leipzig kommen können, und die würde ich ebenfalls gern teilhaben lassen. Aber für das Festival ist es zunächst einmal existenziell, dass Gäste für das Bachfest tatsächlich nach Leipzig reisen, und dafür muss das Programm gut und breit aufgestellt sein. Mit 30.000 Euro, die ein gutes Streaming kosten würde, könnte ich zwei oder drei große Konzerte mehr anbieten. Im Moment spricht alles dafür, das Live-Erlebnis zu priorisieren.

    Ich habe in der Thomaskirche beim Kantatenkonzert mit John Eliot Gardiner da gesessen, und da kam mir der Begriff genius loci in den Sinn. Die Wirkung auf das Publikum ist bekannt. Aber auch auf die Musiker? Fühlen sie sich von sich aus vielleicht verpflichtet, extra, und nochmal, hier ihr Aller-Allerbestes zu geben? Denn Musiker müssten ja eigentlich immer ihr Bestes geben wollen! Gibt es dennoch den Extra-Faktor hier? 

    Das erwähnen die Künstler häufig. Der Dirigent Ton Koopman etwa sagt immer wieder: „In Leipzig müssen wir es noch besser machen, weil Bach selbst in den Kirchen zuhört!“ Nach dem wunderbaren Konzert der Cappella Mediterranea unter der Leitung von Leonardo Garcia Alarcón ging ich hinterher zu ihm. Er hatte Tränen in den Augen und sagte mir: „Michael, das war für mich das emotionalste, bewegendste Konzert, was ich jemals dirigiert habe, weil es in Bachs eigener Kirche war“. 

    Hinzu kommt: Das Publikum hier ist schon ein besonderes weil die Leute wirklich aus der ganzen Welt kommen. Sie sind allein wegen Bachs Musik da. Sie hören extrem intensiv zu und geben sehr deutliche Applausbekundungen. Auch das beflügelt die Künstler.

    Zufall, Fleiß, Forschergeist

    Vor einigen Jahren haben Sie ein bisher unbekanntes Stück von Bach aufgespürt. Jeder Forscher wird natürlich wünschen, dass ein verschollener Kantatenzyklus oder eine verlorene Passion auftaucht. Wie wahrscheinlich ist es aber, dass weitere Funde gemacht werden?

    Ich würde überhaupt nichts ausschließen. Es wird natürlich immer seltener passieren, weil je mehr entdeckt ist, umso weniger liegt unentdeckt herum. Wir haben keine Ahnung, wieviel das ist. In der Regel findet man diese Sachen an Stellen, wo man sie erstmal überhaupt nicht vermutet hätte. 

    Zufall, glückliche Überlieferungsumstände, Fleiß, Forschergeist – all das muss zusammenkommen damit so eine Entdeckung passiert. Deswegen wage ich keine Prognosen. Ich denke nicht, dass man in den großen Musikalien-Sammlungen, die ja gut erforscht und erschlossen sind, noch solche Entdeckungen machen wird. Meine eigene Entdeckung, die unbekannte Bach-Arie „Alles mit Gott“, habe ich dort gefunden, wo sie niemand vermutete: Die Arie war notiert auf zwei leeren Seiten einer Huldigungsschrift aus Weimar aus dem Jahr 1713. Da hat Bach die Noten eingetragen. Er hat seinen Namen nicht hinterlassen, aber ich habe ihn an seiner Handschrift erkannt. Das kann man nicht von einem Bibliothekar erwarten. 

    Kurzum: Heute finden die Entdeckungen an Orten statt, wo man es nicht erwartet: historische Bestände, die man bislang ignoriert hat und die thematisch irgendwo nahe bei Musik angesiedelt sind. Manchmal ist der Grund für unentdeckte Notenschätze, dass sie versehentlich anderen Bestandsgruppen zugeordnet wurden. Die frühesten Notenhandschriften Bachs, die ich auch 2005 in der Weimarer Anna Amalia Bibliothek entdeckte, fand ich nicht in der Musikaliensammlung, sondern bei den theologischen Handschriften, Rubrik: Mönchs- und Klosterliteratur. Nach so etwas zu suchen, ist also Detektivarbeit; und große Funde sind von vielen Zufällen abhängig.

    Ich bin aber zuversichtlich, dass es mit den Entdeckungen auch in Sachen Bach weitergeht. Wir haben derzeit ein großes Forschungsprojekt im Haus, das auf 25 Jahre angelegt ist. Ein Team mit einem halben Dutzend Leuten geht regelmäßig in die mitteldeutschen Archive, um sämtliche erhaltenen Dokumente der Bachfamilie zu erschließen und zu edieren. Und dadurch fordern wir ja täglich den Zufall heraus. 

    Ist da noch viel zu tun?

    Ja, und viel zu finden. Ein Kollege von mir hat letztes Jahr ein unbekanntes Zeugnis von Bach entdeckt, ausgestellt für einen seiner Leipziger Solo-Sänger – hier im Stadtarchiv an einer Stelle, wo man vorher nicht geguckt hat. Also ich denke, es wird noch Überraschungen geben.

    Die Bach-Hitparade

    Vor ein paar Jahren gab es Bachs 30 beste Kantaten in Programm. Dabei trafen Experte die Wahl. Ich könnte mir vorstellen, dass es Proteste gab, weil jeder meinte, „seine“ wäre nicht dabei. Nächstes Jahr machen Sie das anders: Ein Ranking der Top-50 Bachkantaten nach einer Umfrage. Sehe ich da eine Verbindung?

    Sie sehen es vollkommen richtig. Damals war der Kantaten-Ring ein großer Erfolg. Wir haben ein bisschen augenzwinkernd auch gesagt: Wir führen die besten dreißig Bachkantaten auf, wohlwissend, dass niemand sagen kann, was die besten dreißig Bachkantaten sind, weil Bach so viel unfassbar gute Musik komponiert hat. 

    Ich wollte es diesmal anders machen, einfach weil es im nächsten Jahr thematisch um Vielstimmigkeit geht. Es gibt eine schöne Analogie zu Bachs Musik, weil die Stimmen in seinen Werken so extrem eigenständig sind wie bei keinem anderen Komponisten. Man könnte modern gesprochen sagen, es geht in Bachs Musik ganz demokratisch zu. Deshalb heißt das Motto im nächsten Jahr: Im Dialog. Und wir haben viele Formate, wo Sie merken: Bach tritt in den Dialog mit wichtigen Komponisten, die er selber geschätzt hat. Auch mit seinen Kritikern, Scheibe zum Beispiel: So gibt es ein Konzertprogramm „Bach gegen Scheibe“. Oder Bach und seine Influencer des 19. Jahrhunderts. Oder seine Vorbilder.

    Den ersten Dialog zum Bachfest 2026 haben wir mit unserem Publikum geführt. Vor einem Jahr haben wir tausende Flyer verteilt und online dafür geworben: Bitte übermittelt uns eure Top-10 Bachkantaten! Nicht die besten sondern die beliebtesten. Weit über Tausend Leute haben mitgemacht, das Voting lief sechs Monate lang, und wir haben die Entscheidung der Leute wie beim Eurovision Song Contest gewertet. Also ein World Wide Bach Cantata Contest. Platz Eins kriegt zwölf Punkte, Platz Zwei zehn, Platz Drei acht, wie wir das vom ESC kennen. 

    Mir wurde dann immer mehr klar: Was wir hier machen, ist ja nichts anderes ist als die gute alte Radio-Hitparade, die in den 70er, 80er, 90er Jahren die Leute an die Radios gefesselt hat. Sie sind bis nachts aufgeblieben und haben mit dem Kassettenrekorder mitgeschnitten. Spannend blieb es bis zuletzt, weil das Ergebnis immer erst live verkündet wurde. 

    So dachte ich: Warum wollen wir dieses Konzept nicht einfach mal knallhart auf Bach übertragen? Nun jeder Bachianer weiß: Es gibt praktisch keine schlechte Bachkantate. Und wenn er sieht, wen wir für diese zwölf Konzerte verpflichtet haben, wird er wissen: Das werden garantiert gute Konzerte. Denn wir haben nochmal die alten großen Namen der Bachinterpretation zusammen bekommen, The Big Three: Gardiner, Herreweghe, Koopman. Hinzu kommen noch Rademann, Rudolf Lutz – auch er geht auch schon auf die 80 zu. Das ist wirklich die Crème de la Crème. 

    Wir spielen die Kantaten ganz konsequent top-down, von Platz 50 auf Platz 1. In der Verankündigung steht jetzt nur drin, bei dem ersten Konzert werden es Platz 50 bis Platz 48 sein, im zweiten Platz 47 bis 44, und im letzten Konzert halt die besten vier. Aber wir wissen doch: Egal ob ich Platz 40 oder Platz 2 anhöre, es werden alles fantastische Stücke. Und ich kann zumindest schon verraten: Auf Platz 50 liegt die Kantate BWV 20 „O Ewigkeit du Donnerwort“, ein großes zweiteiliges Stück. Ein perfekter Start für den ganzen Zyklus wie ich finde, weil das Stück mit einem Eingangschor beginnt, der wie eine französischen Ouvertüre  klingt. 

    Ich bin mir sicher: Auch, wenn wir das Programm geheim halten, wird es keine bösen Überraschungen, also schlechten Stücke geben. Vielmehr freue ich mich riesig darauf, weil das Konzept dafür sorgt, dass es bis zuletzt spannend bleibt. Eine Hitparade zu machen – und das mit diesem ganz alten, angeblich verstaubten Gegenstand einer Bachkantate, die in Wahrheit alles andere als verstaubt ist: Das ist doch eine wunderbare Sache – und tolle Geschichte.

    Wenn ich noch Radio machen würde, würde ich das gerne aufs Radio zurückführen wollen und die Konzerte alle eins zu eins übertragen. Das wäre super spannend.

    Da darf ich verraten, wir sind gerade darüber im Gespräch!

    Sehr schön!

    Wir suchen verschiedene Partnerschaften, damit das Ganze eben auch im Radio erlebbar sein wird.

    Was auch schön wird ist: Wir reihen die Kantaten nicht einfach aneinander, sondern jede wird mit einer Motette von Schütz oder Schein eingeleitet werden, die auch inhaltlich auf die Kantate vorbereitet. Von Bach gibt es zum Beispiel die zweite Leipziger Kantate „Die Himmel erzählen die Ehre Gottes“, und von Schütz gibt es eine Motette über genau diesen Text. So kann man sich als Hörer schon auf das nächste Stück vorbereiten und schafft schöne Zäsuren zwischen den einzelnen Kantaten. 

    Ich bin mir sicher: Das wird ein Fest! Dazwischen wird András Schiff einen großen Klavierzyklus mit den Teilen I, II und IV der „Clavier-Übung“ spielen, außerdem Bachs Kunst der Fuge. Nichts überschneidet sich. Diejenigen, die entweder den Kantatenzyklus oder den Klavierzyklus oder beides zusammen erleben wollen, können die Tickets schon jetzt exklusiv erwerben, bevor im November dann der Vorverkauf für alle Einzelveranstaltungen beginnt. Auch aus logistischen Gründen, denn in der Nikolaikirche gibt es nicht viele Plätze in der Preisgruppe Eins, und sie sind meist ganz schnell ausverkauft. Und sobald in einer Preisgruppe eine Veranstaltung ausverkauft ist, kann man den kompletten Zyklus als solchen nicht mehr anbieten. 

    Deshalb bieten wir eine Zeitlang nur den kompletten Zyklus an. Schon jetzt kaufen viele Bachfreunde dafür Karten. Und damit zeigt sich erneut: Es war die richtige Entscheidung, im Bachfest das große, noch immer zu wenig entdeckte Repertoire der Kantaten in den Vordergrund zu stellen. Denn damit spielen wir sehr geschickt unser Alleinstellungsmerkmal als Originalort des Thomaskantors Bach aus.